Wurde Gladbach so gegründet?

Als im Frühjahr des Jahres 840 ein Reitertrupp sich auf alten römischen Heerstraßen von Nordosten kommend einer vor ihnen liegenden Anhöhe näherte, gab Balderich den Befehl, die befestigte Straße zu verlassen und den Hügel zu nehmen. Man erinnere sich, wir sind in der karolingischen Zeit, Karl der Große ist 26 Jahre tot, es herrscht sein Sohn Ludwig der Fromme. Er stirbt im gleichen Jahr in Ingelheim. Sein Vater hat sich vor 40 Jahren in Rom zum Kaiser krönen lassen, was Papst Leo III besorgte, der sich mit der Kaiserkrönung Amt und Titel sicherte, was er eigentlich verwirkt hatte, wegen eines unsittlichen Lebenswandels.

Balderich, von der Geschichtsschreibung als „ein Großer des Reiches“ tituliert, kam mit seinem Gefolge aus Utrecht. Sie hatten die Flüsse Rhein und Maas genommen, waren in der Gegend des heutigen Venlo an Land gegangen und suchten etwas, wo man sich jenseits von Bedrängnis niederlassen konnte. Die kam von kriegerischen Aktivitäten der Normannen. Dieses kriegslüsterne Volk wird in der deutschen Geschichtsschreibung so bezeichnet, aber eigentlich waren es Wikinger, die bis nach Sizilien vordrangen und im Jahr 1000 England eroberten.

Balderich war 815 als Gesandter Karl des Frommen jenseits von Jütland gegen das kriegerische Volk siegreich vorgegangen und rettete so dänischem Königtum die Krone.

Jetzt war er auf einem Hügel, der später als Gladbacher Abteiberg bezeichnet werden sollte und gründete.

Balderichs Erscheinen auf dem Hügel zu dieser Zeit ist eine Fiktion, wenn auch nicht aus der Luft gegriffen. Stefan Braßel, von dem später noch zu lesen sein wird, nimmt an, dass zu dieser Zeit die erste Gründung der Stadt erfolgte und 843 die Bauarbeiten an der ersten Gladbacher Kirche auf Veranlassung von Balderich begannen, der sich auf dem Hügel niederließ. Bisher sind dafür keine Zeugnisse gefunden worden, aber es gibt Indizien. Wohl gibt es Zeugnisse für die zweite Gründung, die 974 erfolgte, als der Kölner Erzbischof Gero und ein Mönch mit Namen Sandrad auf dem Hügel eine Benediktiner Abtei gründeten, dessen erster Abt Sandrad wurde. Das ist dokumentiert. Gängiger Geschichtsschreibung zufolge fanden die beiden Herren 974 auf dem Hügel verlassene und verfallene Gehöfte und eine solche Kirche vor, bei anderen ist anstatt von verlassenen und verfallenen von zerstörten die Rede, doch das könnte auf einen Übersetzungsfehler zurückgehen.

Was stimmt und was richtig ist, darüber ist schon viel Gehirnschmalz aktiviert und viel Tinte verbraucht worden, um im Jargon zu bleiben.

Einer, der sich an das Thema herangetraut hat, ist Stefan Braßel, Jurist in Mönchengladbach und Düsseldorf. Die Otto von Bylandt-Gesellschaft hat ihm in der 33. Ausgabe des Rheydter Jahrbuchs – zur Vorberichterstattung geht es hier – viel Raum gegeben, um die spannende Materie zu erhellen. Er geht die Sache wissenschaftlich und in juristischer Manier an. Wo es keine Beweise gibt, helfen Indizien, manchmal auch Formeln, z.B. wenn es um die Ausmaße der Balderich Kirche geht, die schon dem hl. Vitus geweiht war. 

Schon die Figur Balderich liefert Ansatzpunkte für Spekulationen. Wer ist dieser Mann, der von 819 bis 828 Markgraf von Friaul war? In den Analen wird sein Wirken erstmals auf das Jahr 815 datiert, wie eingangs erwähnt, aber es gibt keinen Geburts- und auch keinen Sterbetag.

Nach seiner Entmachtung als Markgraf von Fiaul verliert sich erst einmal die Spur in den großen Büchern (er verlor seine Lehen anscheinend aufgrund einer Intrige). Die Mönche der Gladbacher Abtei sagen, er sei hier, gemeinsam mit seiner Frau Hitta, begraben. Wann das war, ist nicht aufgezeichnet, gefunden ist das Grab auch nicht. Braßel liefert allerdings Anhaltspunkte, wo man suchen könnte. Und dann ist auch schon die Frage aufgetaucht. Ist dieser Balderich, der Gründer von Gladbach identisch mit dem hier geschilderten? Oder gibt es noch einen anderen?

Dies scheint geklärt, jedenfalls hat sich Hans-Peter Hütter in der 32. Ausgabe des Jahrbuchs mit wichtigen Argumenten auf die Seite derer geschlagen, die die Identität für mehr als wahrscheinlich halten. Ein Indiz sind die weitreichenden Beziehungen Balderichs. Sie haben vermutlich auch den Erwerb der Reliquien der hl. Vitus, Cyprianus und Cornelius ermöglicht, mit denen er seine Kirche ausstattete, und die der Legende nach von Gero und Sandrad im Boden aufgefunden wurden. Sie stammen – wie auch wohl das Alexanderpatrizinium in Rheydt – aus Freising, zu der Zeit eine Bischofsstadt. Balderich verkaufte in der Zeit weitläufigen Grundbesetz an den Freisinger Bischof Erchanbert.

So ist denn das erste Gladbach in der Zeit nach 840 entstanden mit einer Eigenkriche Balderichs und einer Hofanlage (wohl da, wo heute die Citykirche steht) als einer seiner Lebensmittelpunkte auf dem Hügel, der von reichlich Wasser umgeben war, nicht unwichtig für ein Leben in karolingischer Zeit. 

Ein Balderich taucht 843 in den großen Geschichtsbüchern wieder auf als er bei der Reichsteilung in Verdun  anwesend ist, als das Reich Ludwig des Frommen (verstorben 840), Sohn Karls des Großen, dreigeteilt wurde an seine Söhne Karl, dem Kahlen, Lothar I. und Ludwig, dem Deutschen. 850 soll dieser Balderich sich von Großgrundbesitz im Rhein- Maasdelta getrennt haben, den er an den Utrechter Bischof verkaufte, im nachhinein ein weiser Schritt, denn Utrecht wurde 857 von den erwähnten Normannen zerstört und der Bischof verlegte seinen Sitz nach Odilienberg, unweit der Mündung der Roer in die Maas. Das alles mag der Bedeutung Gladbachs als Sitz des Grafen Balderich – so wird er in der Liste der Verstorbenen, welche in der Gladbacher Abtei geführt wurde – genannt, geholfen haben.

Wie hat die erste Kirche auf dem Gladbacher Hügel ausgesehen und wo hat sie gestanden? Auch hierüber gibt es umfangreiches Schrifttum. Stefan Braßel hat im 33. Rheydter Jahrbuch entscheidendes dazu beigetragen. Seine These: Standort und Grundriss sind bei Ausgrabungen von Hugo Borger nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden worden, aber sie wurden als solche nicht erkannt. Dafür liefert er einen schlüssigen Indizienbeweis, sehr lesenswert in dem erwähnten Jahrbuch, eine in ihrem Facettenreichtum kaum hoch genug einzuschätzende Arbeit.

Wie erwähnt, ist nicht bekannt, wann Balderich und seine Frau Hitta starben. Auch über die Nachfolge ihrer Herrschaft ist nichts überliefert. Es muss sie aber gegeben haben. Denn Gladbach erlebte 954 den kriegerischen Besuch der Ungarn, die nachweislich in diesem Jahr Maastricht zerstörten. Die allgemeine Geschichtsschreibung geht davon aus, dass sie dies auch in Gladbach besorgten. Das aber scheint ein Irrtum. Sie haben Kirche und Anwesen wahrscheinlich geplündert und Menschen getötet, aber die Gebäude möglicherweise nur beschädigt. Brandspuren sind keine gefunden worden. Als Gero und Sandrad 974 auf den Hügel kamen, war er weitestgehend verlassen, aber Gebäude gab es. So war die zweite Gründung leichter als die erste, und die folgenden Abteikirchen auf dem Münsterplateau nutzen Grundfesten und Mauern der Kirche des Grafen Balderich.